Titel Norden

Die Magie des hohen Nordens

Einmal fischen am Nordkap, einmal durch die Strassen Helsinkis schlendern, einmal die Mitternachtssonne in Schweden bewundern. Auf einer zweiwöchigen Rundreise durch Skandinavien durfte ich das alles und noch viel mehr erleben. Die Magie des hohen Nordens hat mich in ihren Bann gezogen und bis heute nicht mehr losgelassen.

Helsinki

Finnlands Hauptstadt begeistert mit ihrer kalten und doch einladenden Art. Sofort fällt auf, dass sich die Stadt in der Nähe Russlands befindet. Wer gut zu Fuss ist, kann Helsinki wunderbar im Spazieren erkunden. Ein Streifzug entlang des Ufers der Ostsee und des Finnischen Meerbusen lässt mich eintauchen in diese schöne Welt des Nordens. Die frische Meeresluft zieht mir um die Ohren und das Gefühl von Freiheit, was ich immer auf Reisen verspüre, packt mich unweigerlich.

Durch die Gassen, vorbei am Marktplatz, gelange ich zum Dom, dem wohl bekanntesten Wahrzeichen Helsinkis. Die Corona Pandemie regiert momentan die Welt und ich habe den ganzen Platz für mich alleine. Weiter geht’s, getrieben von der Neugier, Schritt für Schritt durch die Strassen, bis ich ankomme bei der Rock Church. Eine Kirche, die unvergleichlich ist in ihrer Art. Gebaut in den Tiefen einer Höhle, deren Wände den Grundriss der Kirche ergeben. Auch für Nicht-Religiöse ist dieser Ort einen Besuch wert.

Das Wetter spielt mit und es geht für mich zurück ans Wasser. Oder besser gesagt aufs Wasser. Eine Rundfahrt mit dem Schiff durch die Gewässer vor Helsinki, rund um die Insel Suomenlinna, die geschichtsträchtiger nicht sein könnte. Auf ihr steht eine Festung, ein Überbleibsel des Krieges, das der Stadt Helsinki einen Platz im UNESCO Welterbe beschaffen hat. Falls du mehr über Helsinki erfahren möchtest, liest doch meinen Beitrag dazu. Von jetzt an geht es für mich weg von Städten, rein in die unberührte Natur.

Helsinki Strasse

24 Stunden Helligkeit

Über Ivalo gelange ich mit dem Mietauto nach Inari. Nun befinde ich mich schon sehr nördlich und die Tage sind lang. In einer Blockhütte lasse ich mich für diese Nacht nieder und Glücksgefühle strömen von Kopf bis Fuss durch mich hindurch. Wie es sich in Finnland gehört, habe ich hier sogar meine eigene Sauna. Nach einem feinen, typisch finnischen Abendessen, sitze ich am Ufer eines kleinen Sees und geniesse die Stille. Es könnte ruhiger nicht sein. Das Wasser liegt still und die umgebenden Bäume und Steine spiegeln sich wieder. Es ist lange nach Mitternacht doch die Helligkeit und die mystische Stimmung lassen mich wach bleiben. Ein Lagerfeuer hält mich warm und verstärkt das in mir wachsende Gefühl von Freiheit. Dieser Moment, alleine dort am See, hat sich für immer in mein Herz gemeisselt.

Bevor es für mich weitergeht nach Norwegen, treffe ich Ureinwohner Finnlands, sogenannte Sami. In einem Freilichtmuseum wird mir die Geschichte der Einheimischen näher gebracht. Ich lerne wie sie früher gewohnt, gejagt und gegessen haben. Zum Abschluss gibt eine Sami noch ihre Gesangskünste in alter Sprache zum Besten. Ich hatte überall Gänsehaut.

Der Grenzübertritt von Finnland nach Norwegen ist ebenfalls eine Erwähnung wert. Die breite, unbefahrene Strasse führt über Brücken, vorbei an viel Wasser und Wäldern. Mein Navi zeigt die Grenze an, doch zu sehen ist kein Zoll. Ein paar Fahrminuten später steht mitten auf der Strasse ein Tisch und eine Bank. Ein Herr steht auf und kommt zum Auto. Freundlich weist er mich darauf hin, dass hier der Zoll ist und er meinen Personalausweis, Führerausweis und mein Covid Zertifikat kontrollieren muss. Nach wenigen Minuten ist der Papierkram erledigt und ich darf weiterfahren. Der sympathischste Zoll, den ich je gesehen habe.

Blockhütte Inari
Inari am See mit Feuer

Mitternachtssonne am Nordkap

Es ist wieder mitten in der Nacht, doch die Sonne scheint mit ins Gesicht. Auf einem kleinen Fischerboot schaukle ich hin und her und traue meinen Augen kaum. Ein Sonnenuntergang, der mehrere Stunden dauert, die Farben wechseln von Orange zu Gelb zu Rot zu Violett. Da es dazu noch leicht nieselt, gesellt sich ein Regenbogen zu uns. Mein Guide, Ruben, erzählt mir von seinem Leben, welches er seit seiner Kindheit am Nordkap verbringt. Seinem Lebensunterhalt finanziert er durch ein kleines Fischer Camp, welches er mit seiner Familie betreibt. Er bietet Zimmer an und geführte Ausflüge zum Fischen auf seinem Boot. Genau das mache ich ebenfalls – Fischen. Auf dem Radar seines Boots sieht er, wo sich die Fische tummeln. Genau dort halten wir an und tatsächlich ziehen wir einen Kabeljau nach dem anderen aus den Tiefen des Meeres.

Zurück an Land steige ich ins Auto und mache mich auf den fünfzehnminütigen Weg ans Nordkap. Es ist weit nach Mitternacht aber die Freude treibt mich an. Müdigkeit verspüre ich keine. Der Parkplatz, der unter anderen globalen Umständen sicher voll gewesen wäre, war leer. Ich parke mein Mietauto und gehe durch das grosse Welcome Center hindurch. Schon komisch, dass um diese Zeit sogar der Souvenirs Shop noch offen hat. Vorne an der Klippe sehe ich sie, die berühmte Kugel, die den nördlichsten Punkt am europäischen Festland markiert. Die Sonne ist mittlerweile untergegangen. Doch merke ich, wie es langsam wieder heller wird und die Sonne bald wieder aufgehen wird. Ich geniesse einmal mehr die Ruhe und lasse die Eindrücke auf mich wirken.

Nordkap

Eine Insel – ein Nationalpark

Die Strasse auf der knapp 600 km2 Grossen Insel Seiland ist acht Kilometer lang. Häuser gibt es fast keine. Ich übernachte in einem ehemaligen Schulhaus, welches zu einer Gruppenunterkunft umgebaut wurde. Da ich vom Nordkap selbst gefangenen Fisch mitgebracht habe, brate ich diesen auf einem Feuer hinter dem Haus.

Viel Wasser ergibt viel Boot fahren. Auch auf Seiland mache ich einen Ausflug, erkunde die umwerfenden Fjorde und geniesse die pure Natur. Die Stille und die Reinheit tut meiner Seele gut. Von meiner Unterkunft aus gehen drei Wanderwege bergaufwärts. Obwohl Berg hier knappe 500 Meter über Meer bedeuten. Die Wege sind markiert aber nicht sonderlich gut präpariert. Gute Schuhe und ein wenig Erfahrung sind von Vorteil. Die Wanderung führt mich durch lichte Wälder, über vom Wasser abgerundete Felsen, hoch bis zu meinem Ziel, dem Pigfjellet. Die Aussicht ist unbeschreiblich. Die Fjorde schlängeln sich um die Insel, das Wetter ist bedeckt, jedoch magisch. Im Nationalpark bleibe ich zwei Nächte bevor es für mich weitergeht.

Das Tal der Wasserfälle

In den Tiefen Norwegens entdecke ich den Reisa Nationalpark, der seinen Namen vom Fluss Reisa erhielt, welcher sich durch das ganze Tal erstreckt. Berühmt ist auch hier wieder die Fischerei. Aus dem Fluss wurden früher viele Lachse gefischt. Mittlerweile ist das Gebiet geschützt und es darf nur noch «Catch and Release» betrieben werden. Ich treffe Roar und seinen Freund Steffen. Am Abend werde ich eingeladen zu einem traditionellen Rentier- und Hirscheintopf. Dieser wird mit Kartoffeln und Preiselbeeren gegessen. Der starke Geschmack des Wildes entspricht nicht ganz dem, was mich kulinarisch gesehen glücklich macht. Trotzdem geniesse ich die Gesellschaft Einheimischer und lausche deren Geschichten rund um ihr Tal.

Wieder auf dem Wasser fahre ich mit Steffen am nächsten Tag flussaufwärts. Und wieder kann ich nicht aufhören zu staunen. Die Natur, die Stille, die Weite und die Klarheit des Wassers faszinieren mich. Nach einer guten Stunde Fahrt, erreichen wir unser Ziel, den Mollisfossen. Ein Wasserfall, der strahlt vor Stolz. Die Sonne scheint und ein Regenbogen spiegelt sich im tosenden Wasser. Vom Ufer des Reisa ist es ein kurzer, fünfminütiger Marsch zum Wasserfall. Wir kochen Kaffee auf offenem Feuer und geniessen die Natur, die uns so viel schenkt.

Ein Wasserfall, dessen Besuch ebenfalls etwas zeitaufwändig, aber jede Minute wert ist, heisst Sarafossen. Die Wanderung vom Tal hoch auf die Ebene dauert, ja nach Startpunkt, gute zwei Stunden. Die Bäume stehen nicht sehr dicht, die Büsche voller Beeren zeigen die ersten Anzeichen des nahenden Indian Summer. Cloud Berries sind im Übrigen orangefarbene Himbeeren, die einen ganz eigenen Geschmack haben und die nur im Norden Skandinaviens zu finden sind. Ich verbringe die Zeit auf der Wanderung neben Staunen auch mit Beerenpflücken. Oben angekommen erwartet mich die Aussicht auf den Sarafossen. Das Wasser rauscht stürmisch in das Tal. Getrieben von der Wanderlust mache ich mich auf den Weg Richtung Wasserfall. Wie eindrücklich es ist, oben auf der Ebene zu stehen und dem Wasser zuzuschauen, wie es sich seinen Weg nach unten sucht. Wasser begleitet mich durch das ganze Abenteuer Skandinavien und verliert doch nicht an seiner Kraft.

Reisa River
Mollisfossen
Sarafossen River
Sarafossen

Uloya

Svein ist ein Mensch, den ich so schnell nicht wieder vergessen werde. Er betreibt ein Hotel in Uloya. Sein Ziel ist es, dass sich bei ihm alle wie zuhause fühlen. Und das schafft er. Vom ersten Moment, beim Betreten des Empfangs, schlägt mir eine Herzlichkeit entgegen, die einlädt zum Bleiben. Wie könnte es anders sein, nimmt auch er mich mit auf sein Boot. Da das Licht spät abends am schönsten ist, warten wir bis 22:00 Uhr, bevor wir auf das Wasser gleiten. In der Bucht, in der wir uns befinden, wird es schon bald nur so von Orca Walen wimmeln. Ein Grund mehr, dass ich zwar zum ersten, aber wahrscheinlich nicht zum letzten Mal hier bin.

Überfischung

Schon während meiner ganzen Reise beschäftigt mich alles rund um das Thema Überfischung. Zuhause lese ich Artikel und schaue Dokumentationen, jetzt bin ich vor Ort und kann mich mit Einheimischen austauschen und erfahren, wie es wirklich aussieht. Die erste Antwort, mit der ich etwas anfangen kann, gibt mir Svein. «Klar gibt es die Überfischung. Wer hier aufgewachsen ist, merkt den Unterschied und den Rückgang der Fischmengen. Das Problem sind nicht die Touristen, welche auf einem Ausflug klein Mengen an Fisch fangen, von dem es genug gibt. Das Problem sind die grossen Schiffe, die für den Export arbeiten. Wieso muss nur Lachs und Thunfisch gegessen werden? Wieso muss überhaupt Fisch gegessen werden, wenn er nicht lokal gefangen und frisch verspeist wird?» Seine Worte begleiten mich noch lange und ich habe seither auch aufgehört, Fisch zu essen, wenn er nicht aus einem lokalen Gewässer kommt.

Auf meiner Reise sah ich auch Unmengen an Lachsfarmen. Was als nachhaltige Alternative verkauft wird, ist im Grunde genommen genau so schädlich für die Umwelt. Die Netze stehen immer am gleichen Ort im Wasser und der ganze Dreck der Fische sammelt sich am Meeresboden, konzentriert auf den kleinen Raum im Netz. So erstickt alles Leben, und die Fische schwimmen in unsauberem Wasser. Svein seine Aussagen berühren mich sehr und ich nehme seine Botschaft mit nach Hause. Gerade weil ich gerne reise, liegt es mir am Herzen meinen Lebensstil so einzurichten, dass ich die fremden Kulturen und deren Natur respektvoll behandle und deren Schönheit bewahre. Wenn ich dafür auf Fisch verzichten muss, mache ich das mit grosser Freude. Wenn du mehr zu meinen Gesprächen mit Einheimischen zum Thema Überfischung lesen möchtest, geht es hier lang.

Fjord Uloya

Zwischen Huskys und Erz

Nach einem weiteren Grenzübertritt, dieses Mal von Norwegen nach Schweden, komme ich in Abisko an. Hier startet der Jakobsweg des Nordens, der sogenannte Kungsleden. Mehrere Tage kann von da aus durch den Nationalpark Richtung Süden gewandert werden. Ich mache einen kurzen Abstecher und gehe nur wenige Minuten dem angezeichneten Weg entlang. Die Landschaft, die das Wasser hier über die Jahre geschaffen hat, raubt mir wieder einmal den Atem.

Die Erz Stadt Kiruna. Der Ort, mit der höchsten Selbstmordrate weltweit. Diesen Flecken Erde schaue ich mir an. Unterkommen kann ich in einem Husky Kennel. Die Hunde werden dort ausgebildet und dann im Winter nach Alaska gebracht, wo sie Rennen fahren dürfen. Da ich im Sommer zu Besuch bin, gehe ich mit auf ein Training mit dem Quad. Die Huskys sind Feuer und Flamme für die Bewegung. Sie können es kaum erwarten, dass es endlich losgeht. Wir machen eine Fahrt durch die nahegelegene Natur, die entgegen dem, was ich bis dahin im Norden gesehen habe, eher trist wirkt. Auch der spätere Rundgang durch die Ortschaft lässt mich besser verstehen, wieso die Menschen hier nicht glücklich sind. Es gibt viel Industrie und wenig schöne Landschaften. Die Einheimischen, die ich treffe, sind jedoch zufrieden mit ihrem Leben in Kiruna. Auch hier scheint die Sonne im Sommer 24 Stunden am Tag und das Fischen an einsamen Seen ist ein schöner Ausgleich zum hektischen Alltag mit den Hunden.

Huskys

Zurück in Finnland

Zurück in Finnland entdecke ich Oulu. Eine schöne Stadt, die ebenfalls östlich geprägt ist. Das Meer umschliesst die Stadt und bietet sogar einen Sandstrand. Obwohl Sommer ist, kann ich mir das Baden hier nur schlecht vorstellen. Ein Ausflug nach Hailuoto rundet diese unvergessliche Reise ab. Das Wetter ist stürmisch und der Wind bläst kalt. So stelle ich es mir an der Nord- oder an der Ostsee vor. Sandstrand gepaart mit grünen Gräsern, die im Wind tanzen. Das Gewitter, das sich zusammenbraut, gibt der mystischen Stimmung den letzten Kick.

Apropos brauen. Auf der Insel Hailuoto gibt es eine Bierbrauerei, die sich sehen lässt. Die Geräte haben sie alle aus Deutschland importiert, damit das Bier möglichst dem Vorbild des deutschen Biers nahekommt. Es werden auch Produkte angeboten, die aus den Resten beim Bierbrauen hergestellt werden. Ökologisch arbeiten wird hier grossgeschrieben.

Knappe 3000 Kilometer später bin ich glücklicher, ausgeglichener und die Magie des Nordens hat mich für immer in ihren Fängen.

Hailuoto

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