Titel OHNI

Unverpackt einkaufen im OHNI in Thun

Ein Interview mit Natalie, Geschäftsführerin und Inhaberin vom OHNI in Thun

Etwas ausserhalb der Stadt Thun befindet sich “OHNI”. Der erste Unverpackt Laden in Thun. Natalie betreibt das Geschäft seit zwei Jahren mit viel Leidenschaft und Herzblut. Ich habe sie getroffen und mit ihr über den nachhaltigen Trend und die Zukunft von OHNI gesprochen.

Natalie, beschreibe kurz, wer du bist.

Mein Name ist Natalie Jacot. Ich bin in Uetendorf, in der Nähe von Thun, aufgewachsen und habe ganz normal meinen Schulabschluss gemacht. Ich war schon immer sehr kreativ und gerne draussen. Für mich war schnell klar, dass ein Studium nicht in Frage kommt. Ich wollte etwas Praktisches und Kreatives machen. Da ich in der Schweiz keine Ausbildung als Fotografin machen konnte, bin ich nach Deutschland und habe dort nach einem Fotopraktikum eine Ausbildung als Film- und Fernsehproduzentin gemacht. Dann kam ich zurück in die Schweiz und hatte schnell genug davon etwas 24/7 zu machen, was für mich keinen Sinn ergibt. Danach habe ich mich als Fotografin selbständig gemacht und liess mich für eine kurze Zeit auch als Fotografin anstellen. Ich war und bin immer noch viel mit der Kamera unterwegs und mache gerne Sport. Bis ich 26 war, bin ich auf viel auf Reisen gewesen. Ich habe immer kurz gearbeitet, Geld gespart und dann bin ich wieder los. Dann war ich irgendwann in Hawaii und habe zum ersten Mal eine Reise frühzeitig abgebrochen, weil ich gemerkt habe, dass ich jetzt eigentlich zuhause angekommen bin. Danach bin ich nicht mehr viel reisen gegangen, da sich auch das Thema Nachhaltigkeit als wichtig für mich herausgestellt hat. Und dann hat sich das irgendwann mit dem Laden so ergeben.

Beschreibe kurz, was das OHNI ist.

OHNI gibt es seit zwei Jahren. Es war immer angedacht, einen Unverpackt Laden mit einem Food Save Bistro zu kombinieren. Wir haben aufgemacht und zwei Wochen später kam der erste Lockdown. So sind wir im Bereich Bistro gerade am Anfang durch die Pandemie ausgebremst worden. Da wir aber im Laden während der Covid Zeit überrannt wurden, hatten wir auch gar nicht so Zeit für das Bistro. Wir durften immer offen haben, da wir Produkte für den täglichen Bedarf verkaufen. Ebenfalls machen wir Caterings und bieten Workshops zum Thema Nachhaltigkeit an. Wir waren der erste Unverpackt laden in Thun. Mittlerweile wächst dieser Bereich und es gibt immer mehr Unverpackt Läden in der Region, das ist cool! Leider merken wir gerade einen starken Rückgang der Nachfrage.

Kannst du dir erklären, wieso die Nachfrage zurückgeht?

Ich glaube viele Menschen sind immer noch verunsichert durch die ganze Pandemie. Was darf man noch, was nicht? Viele kaufen auch online ein, da sie sich sicherer fühlen. Es muss sich, glaube ich, einfach weitere einpendeln. Während der Lockdowns hatten die Menschen, durch die Kurzarbeit auch mehr Zeit zum Einkaufen und neues ausprobieren.

OHNI Thun divers

Was bedeutet Nachhaltigkeit für dich?

Ein Bewusstsein. Der Begriff Nachhaltigkeit ist sehr “ausgelutscht”. Er ist nicht geschützt und jede/r kann mit Nachhaltigkeit werben. Das ist ein grosses Problem. Grosse Ketten können mit diesem Wort werben und die Menschen sehen nicht dahinter. Auch wir machen nicht alles perfekt, auch wir müssen uns dem System anpassen, aber wir geben unser Bestes. Wenn ich einkaufen gehe, dann stehe ich vor dem Regal und gönne mir vielleicht Mal eine Tafel Schokolade, oder was auch immer. Aber dann weiss ich auch, was dahintersteckt und ich kaufe mir dann das Produkt bewusst ein. Mit dem Bewusstsein kaufe ich automatisch anders ein. Ich schmeisse nicht kopflos einfach alles in den Einkaufswagen und so schmeisse ich logischerweise auch automatisch weniger weg. Viele sind da blind und informieren sich nicht. Oder noch schlimmer: Sie wissen es, möchten aber nicht den Aufwand auf sich nehmen und etwas an ihrem Einkaufsverhalten ändern.

Was hat dich dazu bewegt, das OHNI aufzumachen?

Ich habe gemerkt, dass ich noch länger arbeiten muss als ich bereits lebe. Und da dachte ich, ich bin noch nicht mal 30 Jahre alt, und muss noch über 30 Jahre arbeiten. Da wusste ich, ich muss was ändern. Alles, was ich machte, machte ich gerne. Ich wollte aber am Abend nach Hause kommen und wissen, dass ich etwas Sinnvolles gemacht habe. Ich mache es nicht für mich, sondern für die Umwelt und die Sinnhaftigkeit. Ich habe überhaupt nicht Zero Waste gelebt, habe mir aber immer wie mehr Fragen gestellt, wie z.B. wieso ich nicht Haferflocken in Grosspackungen kaufen kann, sondern jede Woche wieder eine kleine Menge. Und so hat das Umdenken angefangen.

Wie hat Thun auf OHNI reagiert?

Endlich! Es war bekannt, dass im nahen Wallis schon zwei Läden gibt. Da war die Freude, vor allem anfänglich, sehr gross.

OHNI Thun
OHNI Thun offen

Siehst du eine Entwicklung seit der Eröffnung?

Am Anfang wurde uns die Bude eingerannt. Die Kundschaft ist bis auf die Strasse angestanden. Es war neu, viele sind Mal schauen gekommen. Dann kam der Lockdown und das hat uns sehr in die Karten gespielt. Wenn wir raus durften, dann ja vor allem zum Einkaufen. Wir konnten davon profitieren. Aber wir konnten leider nicht alle Kundinnen und Kunden behalten. Alle arbeiten wieder und haben keine Zeit mehr, oder nehmen sich die Zeit nicht mehr. Da leiden viele Geschäfte darunter. Während der Kurzarbeit war es kein Problem eine Fahrradtour zum OHNI zu unternehmen. Jetzt kostet das allen, die nicht gerade um die Ecke wohnen, zu viel Zeit. Ich habe mich auch gefragt, ob es den Leuten zu unhygienisch ist, aber das Feedback war wirklich immer, dass die Zeit fehlt oder sie zu weit weg wohnen. Deswegen ist es noch wichtiger für uns, dass wir die Menschen informieren und das Bewusstsein schaffen. 

Die Thunerinnen und Thuner haben so lange auf einen Unverpackt Laden gewartet und dann gemerkt, ach ist doch aufwändiger, als ich gedacht habe. Oder andere kommen immer noch aber kaufen in kleineren Mengen ein. Am Anfang haben sie zum Ausprobieren viel eingekauft und etliches davon steht jetzt vielleicht immer noch im Schrank. Das ist das Schlechteste, was du machen kannst. Kauf nur das, was du wirklich brauchst. Wenn du nicht alles hier einkaufst, was die wenigsten machen, dann ist auch der Aufwand gross, dann extra für die Haferflocken noch zu uns zu kommen.

OHNI Thun Kartoffeln

Von wo bezieht ihr eure Produkte?

Wir haben insgesamt rund 55 Produzenten und Lieferanten. Wir versuchen die Kleinen zu unterstützen. Z.B. ein Lieferant liefert uns nur Äpfel und Birnen. Die kleinen Produzenten haben auch meistens nur eine kleinere Auswahl an Produkten. Ich könnte Leinsamen und Lupinen auch vom Grosshandel kaufen, aber wenn wir jemanden in Riggisberg haben, der mir diese liefern kann, dann versuchen wir die zu unterstützen. Wir sind im Kanton Bern so privilegiert. Wir haben so viele Biobauern in der Umgebung. Wir haben das Glück, dass wir so nicht viel auf den Grosshandel zurückgreifen müssen. Die meisten kleineren Betriebe bringen uns die Produkte in 20-25 kg Säcken, zum Beispiel Haferflocken und Leinsamen, vorbei. Wir machen meistens einmal im Monat eine Ausfahrt zu den grösseren Produzenten und holen alles auf einmal ab. Wir beziehen von unseren 570 Produkten nur ca. 50 Produkte noch vom Grosshandel.

Warum ist es so wichtig, unverpackt einzukaufen?

Wir haben keine andere Lösung. Wenn wir ein System hätten, mit dem wir alles wiederverwenden könnten, wenn wir ein Recycling hätten, welches funktioniert, dann bräuchten wir nicht unverpackt einzukaufen. Das Problem ist, dass Recycling das Problem Abfall nicht löst. Wenn du Mal anfängst dich zu informieren, merkst du, dass vieles gut klingt, das eigentliche Problem jedoch noch gar nicht gelöst ist. Ich bin viel eher für Precycling statt Recycling. Das heisst, alles, was Mal gekauft wurde im Kreislauf halten, indem es weitergegeben oder wiedergebraucht wird, oder erst gar nicht kaufen, weil du es eigentlich nicht wirklich brauchst. Aber es wird sich leider zu wenig darum gekümmert. Die Schweiz ist da wirklich etwas in Verzug. Im näheren Ausland wurde Einweggeschirr verboten. In der Schweiz darf Einweggeschirr nur an Events nicht mehr gebraucht werden. Take Aways dürfen dies immer noch nutzen und die Regierung verlässt sich auf die freiwillige Umstellung der Betriebe. Leider sind wir da noch etwas zu bequem und jammern auf sehr hohem Niveau. Das frustriert mich und ich bin da auch zu ungeduldig. Wir sind so verwöhnt und ich verstehe nicht, warum wir nicht mehr Aufwand auf uns nehmen. Wir haben zum Beispiel viele Follower auf den Sozialen Medien, die noch nie bei uns waren. Würden alle von denen, die in Thun und Umgebung wohnen bei uns einkaufen, würden wir einen riesen Schritt nach vorne machen.

OHNI Thun Gewürze

Für wen ist OHNI das Richtige?

Für alle. WGs haben es zum Beispiel verstanden, dass es Sinn macht in grossen Mengen einzukaufen. Das Gleiche gilt für Familien. Teigwaren, Reis und Haferflocken können lange aufbewahrt werden und der Weg in den Supermarkt muss so nur noch an einzelnen Tagen gemachten werden für Frisches. Studenten kommen auch viele. Diese haben noch 10% Rabatt bei uns. Aber auch Senioren, welche hier im Quartier wohnen, kommen oft vorbei. Oder Singles. Es kann bei uns alles in kleinen Mengen in Behälter abgefüllt werden. Es ist für uns noch etwas schwierig, die richtigen Leute anzusprechen, da wir kein riesen Marketingbudget haben. 

Was ist deine Meinung zur Aussage: “Unverpackt, nachhaltig und Bio einkaufen ist zu teuer.”?

Bullsh*t. Klar, es kommt immer darauf an. Du musst halt schon Bio mit Bio vergleichen und Schweizer Produkte mit Schweizer Produkten, handgemachte Produkte mit handgemachten Produkten. Wir haben den Test gemacht. Wir haben im Supermarkt eingekauft und dann die gleichen Mengen in Gramm bei uns abgefüllt und ausgerechnet. Wir landen bei CHF 10.- Unterschied. Und das auch nur weil bei uns die Borlotti Bohnen und Leinsamen aus der Schweiz waren und nicht wie im Supermarkt aus China und Thailand. Sonst wären wir auf den exakt gleichen Preis gekommen. Schweizer Leinsamen gibt es im Supermarkt halt nicht. Entweder du willst das lokale Gewerbe unterstützen oder nicht. Wir haben höhere Löhne in der Schweiz, einen höheren Lebensstandard, da ich es klar, dass die Produkte hier teurer sind. Herkömmliche Sachen wir Gewürze, Tee und Backzutaten sind im OHNI definitiv günstiger und der Abfall fällt weg. Viele überlegen nicht, dass die Menge im Supermarkt und bei uns nicht die gleiche ist. Sie rechnen mit dem Fixpreis des Supermarkts. Im OHNI kannst du die Menge selbst bestimmen und es wird keine Luft gekauft. Es geht auch um Wertschätzung und Prioritäten setzen.

OHNI Thun Theke

Welches Vorurteil möchtest du hier und jetzt beseitigen?

Viel höre ich, die Aussage, dass es keinen Unterschied macht, wenn ich nur meinen Reis und meine Haferflocken unverpackt einkaufe. Dass es keinen Unterschied macht, wenn das eine einzelne Person macht und das auch nicht bei allen Produkten. Aber so entstehen neue Masse. Jemand muss anfangen und so andere mitziehen. Die kleinen Schritte zählen! Wenn du nichts tust, dann ändert sich auch nichts.

Was sind deine Pläne für die Zukunft von OHNI?

Im Moment steht viel an. Wir sind am Umbau und Ausbau dran. Viele Events sind für dieses Jahr geplant: Bis Ende September sind wir auch mit den Caterings schon fast ausgebucht. Wir möchten noch mehr Lebensmittel retten und dann in der neu gebauten Produktionsküche verwerten. Überschuss rette ich weniger gerne als Produkte, die einen “Fehler” haben. Käse, der zu leicht ist oder Ernten, die nicht der Norm entsprechen möchten, wir vermehrt retten und etwas Cooles daraus zaubern.

Twentyonetravel ist ein Reiseblog, deshalb die Frage: Wie verhältst und verpflegst du dich auf Reisen?

Ich bin viel reisen gegangen früher und mache es immer noch gerne. Ich reise jetzt jedoch anders und weniger. Viel bin ich mit dem Zug unterwegs oder dann in einem Van aber mit ein paar anderen Leuten zusammen. Ich habe vor Ort immer gerne die lokalen Spezialitäten probiert, darum geht es beim Reisen doch auch. Im Landesinneren bin ich ebenfalls mit dem Zug gereist oder dann zu Fuss. Auf die Art der Transportmittel zu achten ist unumgänglich, wenn man nachhaltig reisen will. Auch macht es Sinn in der Schweiz oder in Europa zu bleiben und wenn weiter weg, dann länger bleiben. Städtetrips habe ich früher auch gemacht, heutzutage würde ich das nie mehr machen. Ich besuche bald auch meine Schwester, die in Schweden studiert, mit dem Zug. Um den Kreis zu schliessen, auch hier ist das Bewusstsein das Ein und Alles. Nicht nur Tourist sein, sondern am Alltag teilnehmen, Einheimische treffen und die Kultur zu spüren.

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